Zertifikate. Aktuelle Chancen für jedes Börsen-Szenario

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„Das war ein Crash, wie wir ihn noch nicht erlebt haben,“ meint Frank Weingarts, Zertifikateexperte bei der UniCredit Bank, der in seiner Karriere schon einige heftige Wirtschafts- und Finanzkrisen miterleben durfte. Aber „Kapitalschutz- und Teilschutzmechanismen, mit denen die überwiegende Mehrheit der Zertifikate ausgestattet sind, haben auch im turbulenten Börsenmonat März ihre Funktion zufriedenstellend erfüllt“, weist Weingarts, der als Vorstandschef des Zertifikateforums Austria auch für den Gesamtmarkt in Österreich spricht, auf diese speziellen Anlageprodukte hin.  So habe sich das Volumen des österreichischen Zertifikatemarktes im März aufgrund von Preiseffekten um 8,1 Prozent verringert, was im Vergleich zur Entwicklung an den Aktien- und Anleihenmärkten einen deutlich geringeren Rückgang darstellt. „Natürlich ist das nicht eins zu eins vergleichbar, aber den Kurseinfluss durch den Einbruch an den Aktienmärkten haben Zertifikate am stabilsten weggesteckt“, ist er überzeugt.
 

Für jedes denkbare Szenario geeignet

Die Börsen haben seit dem Crash im März bis Mitte Mai bereits einiges wieder aufgeholt. Anleger rund um den Globus sind in Kauflaune. Alles eitel Wonne? „In den letzten 20, 30 Jahren habe ich beobachtet, dass es mit etwas Zeitverzögerung immer noch einen weiteren Einbruch gegeben hat. Es ist daher möglich, dass man im Rahmen dieser Krise noch weitere Kurseinbrüche sehen wird“, zeigt sich Weingarts skeptisch.

Und wie er, zweifeln auch viele andere Börsianer an der aktuellen Aufholjagd und fürchten eine sogenannte „Bärenfalle“, wo man zu früh auf ein Ende des Abschwungs setzt. Andere wiederum sehen Chancen bei Gold oder dem tief gefallenen Ölpreis. Die Meinungen gehen jedenfalls weit auseinander.

Ein perfektes Umfeld für Zertifikate, denn „im Prinzip gibt es für jede Marktlage, gerade auch im aktuellen Marktumfeld, ein geeignetes Zertifikat oder einen Optionsschein“, meint Anouch Alexander Wilhelms, Derivateexperte bei Société Générale, die das Zertifikategeschäft der Commerzbank übernommen hat.

 

Garantiezertifikate wieder interessanter

Gerade unter heimischen Anlegern erfreuen sich Kapitalschutz- oder Garantiezertifikate seit langer Zeit großer Beliebtheit, weil sie am Ende der Laufzeit eine Rückzahlung von 90 bis 100 Prozent des eingesetzten Kapitals garantieren und, wie jedes Zertifikat, Anleger an der Entwicklung eines Index, einer Aktie, oder eines Rohstoffs etc. beteiligen. Doch eine der wichtigsten Zutaten für die Zubereitung attraktiver Garantieprodukte sind die Zinsen. Und die sind seit geraumer Zeit nicht gerade üppig, weshalb auch viele Garantieprodukte eher „fad“ schmeckten und oft nur geringe Ertragschancen oder nur einen reduzierten Kapitalschutz boten.

Doch aus Sicht von Uwe Kolar, Zertifikateexperte der Erste Group Bank, könnte jetzt wieder etwas mehr „Salz in die Suppe“ kommen: „Wir können aktuell wieder eine Kapitalgarantie von 100 Prozent darstellen, weil das Zinsniveau bei langen Laufzeiten in der Corona-Krise etwas gestiegen ist. Und auch die Risikoaufschläge sind etwas in die Höhe gegangen. Somit müssen Banken, die Zertifikate bzw. Anleihen emittieren, aktuell etwas höhere Zinsen zahlen.“ Als Beispiel nennt er das Future-Invest- Garant-Zertifikat, bei dem Anleger eins zu eins und unbegrenzt an der positiven Wertentwicklung des Solactive-Erste-Future-Invest-Index-VC beteiligt sind. Der Solactive-Erste-Future-Invest-Index-VC investiert über börsengehandelte Indexfonds (ETFs) in Megatrends wie etwa Robotik oder Erneuerbare Energien. „Gleichzeitig verfügt der Index über eine Absicherungsautomatik: Wenn die Schwankungen an den Märkten zu stark zunehmen, wird das Geld von den ETFs in den Geldmarkt umgeschichtet, um Risiko rauszunehmen“, betont Kolar.

 

Achtung Emittentenrisiko!

Ähnliche Angebote mit Kapitalschutz gibt es mit der HVB-Anleihe 06/2028 auf den Global-Disruptive-Opportunities-Strategy-Index auch von der UniCredit Bank oder mit dem Megatrends Winner 90 Prozent II-Zertifikat von der Raiffeisen Centrobank (RCB).

„Anleger sind damit eins zu eins und nach oben unbegrenzt an der Entwicklung eines Aktienindexes beteiligt, können gleichzeitig aber aufgrund des 90-Prozent-Kapitalschutzes am Laufzeitende nicht mehr als zehn Prozentverlieren. Der zugrunde liegende iSTOXX- Global-Megatrends-Select-50-Index bildet neun Megatrends von Fintechs bis Industrie 4.0 ab“, erklärt Philipp Arnold, Zertifikateexperte bei der Raiffeisen Centrobank, die auch auf den beliebten Basiswert Gold ein Garantiezertifikat anbietet.

Doch an dieser Stelle muss betont werden, dass es sich bei Zertifikaten im Unterschied zu Investmentfonds rechtlich gesehen nicht um ein Sondervermögen, sondern um eine Schuldverschreibung handelt. Gerät die emittierende Bank in Schieflage, kann es sein, dass man als Anleger nicht den versprochenen Betrag bekommt. Daher sollte man immer auch auf die Bonität der Emittentin achten.

 

Chancen mit Sicherheitspuffer

Während bei Kapitalschutzprodukten die Sicherheit im Vordergrund steht, bieten sogenannte Teilschutzzertifikate eine Kombination aus deutlich interessanteren Renditechancen und einer teilweisen Absicherung. „Gerade in einer Marktphase, in der viele davon ausgehen, dass die Marktschwankungen hoch bleiben werden, ist ein Sicherheitspolster nach unten für viele Anleger wichtig, wie ihn etwa Bonuszertifikate bieten“, meint Arnold.

So erhält man etwa beim Europa Bonus&Sicherheit-16-Zertifikat der RCB das eingesetzte Kapital plus einen Bonus von 24 Prozent zurück, falls der EuroStoxx 50 bis zum Laufzeitende im April 2022 nie unter die Barriere von 1.706 Punkten fällt (Details siehe Tabelle unten). „Damit haben Anleger selbst vom derzeit relativ niedrigen Indexstand aus noch einen Sicherheitspuffer von über 40 Prozent. Beim aktuellen Kaufkurs von 109 Euro bietet dieses Bonuszertifikat damit eine Rendite von rund sieben Prozent p. a.“, rechnet Arnold vor.

 

Sicherheitspuffer zu 99 Prozent ausreichend

Doch wie gut hat dieser Teilschutz im Crash im März gehalten? „Wir haben mittlerweile fast 100 Zertifikate in den letzten zehn Jahren in dieser Bonus&Sicherheit-Serie emittiert. Bis zur Covid-19-Krise hatten wir keinen einzigen Durchbruch. Erst im März kam es bei einem Zertifikat auf dem schwer angeschlagenen Bankenmarkt zu einem Barrierebruch“, fasst Arnold zusammen.

Selbst das bedeute, laut dem Raiffeisen- Banker, aber nicht automatisch einen Verlust: „In diesem Fall erfolgt die Rückzahlung am Ende entsprechend der Indexentwicklung. Falls sich der EuroStoxx-Banks-Index bis dahin erholt, kann man damit zumindest theoretisch Verluste aufholen und bis maximal 24 Prozent Rendite erzielen.“

 

Auf Krisengewinner mit Puffer setzen

„Viele Anleger stellen sich aktuell die Frage, welche Branchen und Unternehmen eventuell sogar gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen könnten“, berichtet Heiko Geiger, Zertifikateexperte bei Vontobel: „So sehen einige etwa bargeldlose Zahlungsanbieter wie Mastercard oder Visa als Profiteure, weil die Leute weniger mit Bargeld hantieren wollen.“ Dazu zählt auch das deutsche Unternehmen Wirecard, dessen Kurs aufgrund einer Reihe von Skandalen abgestürzt ist. „Anleger, die der Meinung sind, dass der Großteil des Abverkaufs bei Wirecard damit bereits stattgefunden hat, könnten unsere Multi-Aktienanleihe auf Mastercard, Visa, Wirecard interessant finden, denn aufgrund des Wirecard-Kurseinbruchs ist auch der Kurs dieses Produkts auf ein interessantes Einstiegsniveau gesunken“, weiß Geiger.

Mit dieser Aktienanleihe, die auf mehreren Aktien beruht (Details in der Tabelle links), bekommt man aktuell als Anleger die Chance auf rund 30 Prozent Rendite p. a. geboten, falls keines der enthaltenen Unternehmen bis März 2021 unter 50 Prozent seines Startwerts sinkt, wodurch Anleger selbst nach dem Kurseinbruch bei Wirecard über einen Sicherheitspuffer von rund 35 Prozent verfügen. „Im Gegenzug muss man natürlich bereit sein, die Risken des Produkts, unter anderem das Emittentenrisiko, in Kauf zu nehmen“, betont der Vontobel-Banker.
 

Zu Diskontpreisen einkaufen

Wilhelms weist auf eine weitere Variante mit Teilschutz hin: „Bei Discount-Zertifikaten sind die Gewinnmöglichkeiten begrenzt, dafür liegt der Einstiegskurs in der Regel unterhalb des aktuellen Preises. Dadurch entsteht ein Discount, der zum Ende der Laufzeit auch dann zu einer positiven Entwicklung des Discount-Zertifikats führen kann, wenn der Preis leicht gefallen ist.“

So bietet etwa ein Discount-Zertifikat  der Société Générale auf den deutschen Aktienindex DAX 30 mit Restlaufzeit bis Juni 2021 eine maximale Rendite von 10,5 Prozent,  falls der DAX zum Laufzeitende zumindest bei 10.900 Punkten steht. Gleichzeitig ist man im Fall eines Rückgangs des Indexes von bis zu zehn Prozent gesichert, weil man den Index aktuell mit dem entsprechenden Rabatt einkaufen kann.

 

Express: Chance auf rasche Rückzahlung

Eines der heißesten Investmentthemen aktuell sind die Ölpreise, die in den letzten Monaten stark eingebrochen sind und sogar erstmals für negative Preise bei Ölterminkontrakten gesorgt haben.

Für Anleger, die jetzt auf steigende Ölpreise setzen möchten, ist es aber gar nicht so einfach, wie Kolar betont: „Zertifikate, die auf Öl-Futures-Preisen basieren, sind wegen  der laufenden Kontraktwechsel komplex zu verstehen. Daher sind für Privatanleger eher Investments über börsennotierte Ölunternehmen zu bevorzugen.“

Die Erste-Fix-Kupon-Express-Anleihe auf Royal Dutch Shell etwa bietet einen jährlichen Kupon von fünf Prozent, unabhängig von der Kursentwicklung der Aktie. Falls die Aktie an einem der jährlichen Beobachtungstage auf oder über dem Startwert liegt, bekommen Anleger vorzeitig ihr Geld zu 100 Prozent zuzüglich Zinsen zurück. Diese Chance auf eine vollständige Rückzahlung lebt bis zu Laufzeitende jedes Jahr neu auf. „Nur wenn am Ende die Royal-Dutch- Shell-Aktie um 50 Prozent oder mehr gefallen ist, bekommen Anleger keine Rückzahlung, sondern eine zu Beginn festgelegte Anzahl dieser  Aktien geliefert“, erklärt Kolar.

 

Ungebremste Chancen und Risken

Es gibt laut Heiko Geiger aber auch Ölzertifikate, die beides vereinen: „Wir bieten hier ein Indexzertifikat auf den Vontobel-Oil- Strategy-Index an, der flexibel beide Zugänge vereint: Der Index beobachtet die Rollthematik an den Ölmärkten und investiert entweder in Aktien großer US-Ölfirmen, wenn Rollverluste in einer sogenannten Contango-Konstellation drohen, oder in Öl-Futures, um von Rollgewinnen in einer Backwardation-Situation zu profitieren. Aktuell ist der Index in Ölfirmen, wie etwa Chevron investiert.“

Generell bieten Indexzertifikate eine unkomplizierte 1:1-Partizipation an einem Basiswert ohne Laufzeit- oder Gewinnbeschränkung.

 

Steigende oder fallende Goldkurse?

Auf die Frage, ob der Anstieg der Goldpreise weitergeht oder nicht, hat wohl jeder interessierte Anleger seine eigene Antwort. „Die einfachste Form in Gold mit Zertifikaten zu investieren, sind Partizipationszertifikate, die nahezu eins zu eins die Entwicklung des Goldpreises nachbilden. Dabei gibt es auch Varianten mit Währungsabsicherung, sogenannte Quanto-Zertifikate“, betont Wilhelms, weil Gold ja in US-Dollar gehandelt wird. Die Währungsabsicherung kostet zwar etwas, sichert aber vor Wechselkursschwankungen von Dollar zu Euro.

Frank Weingarts macht auf eine weitere Besonderheit von Zertifikaten aufmerksam, die vor allem sehr risikobereite Anleger interessieren dürfte: „Mit Zertifikaten können Anleger sogar gehebelt auf steigende oder fallende Goldpreise setzen.“ Dabei muss man laut Wilhelms zwischen sogenannten Turbo-  oder Knock-Out-Zertifikaten und Faktor-Zertifikaten unterscheiden: „Bei Knock-out-Produkten kommt es zu einem Knock-out-Ereignis, wenn die Knock-out-Barriere verletzt wird. In diesem Fall verfällt das Produkt und wird in der Regel wertlos.“

Faktorzertifikate hingegen, seien laut dem Experten mit einem konstanten Hebel ausgestattet, der sich in der Regel auf die prozentuale Veränderung des Basiswerts im Vergleich zum Vortag bezieht. „Aufgrund dieser Konstruktion eignen sich Faktorzertifikate am besten, um damit ganz klare Auf- oder Abwärtstrends zu nutzen, die auch unmittelbar einsetzen. Sie führen möglicherweise nicht zu dem gewünschten Anlageerfolg, wenn sich der Basiswert zunächst in die falsche Richtung entwickelt oder mit kleinen Auf- und Abschwüngen seitwärts verläuft.“

 

Quelle: GEWINN-Verlag, www.gewinn.com

Ein Artikel von Martin Maier